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• ADHS: Schlafmangel bei Kindern möglicherweise Mitauslöser  » Helsinki – Schlafmangel führt bei Kindern zu Verhaltensauffälligkeiten.

• Eingriff in die personale Identität »   Die Argumente für psychopharmakologisches Enhancement greifen zu kurz.

• Die guten Seiten von ADHS»
Nomadenvölker könnten von einer Veranlagung für die Aufmerksamkeitsstörung sogar profitieren.

 

Freitag, 15. Mai 2009
 

ADHS: Schlafmangel bei Kindern möglicherweise Mitauslöser

Helsinki – Schlafmangel führt bei Kindern zu Verhaltensauffälligkeiten. Diesem Phänomen geht eine aktuellen Studie von Wissenschaftlern der Universität zu Helsinki und des finnischen Instituts für Gesundheit und Fürsorge detaillierter nach. Das Fachblatt Pediatrics veröffentlicht die Untersuchung (2009;123: 857-64).

In vielen Ländern hat die durchschnittliche Schlafdauer der Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen. Experten gehen davon aus, dass in den USA auch ein Drittel der Kinder an inadäquatem Schlaf leidet. Zwar gibt es Hypothesen, die postulieren, dass Schlafmangel außer Müdigkeit auch zu einer Verhaltenssymptomatik führt, jedoch gab es bisher wenige Studien zu dieser Hypothese.

Die finnischen Forscher gingen der  Frage nach, ob eine eingeschränkte Schlafdauer zu ähnlichen Verhaltensauffälligkeiten führt wie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). An der Studie nahmen 280 gesunde Kinder (146 Mädchen und 134 Jungen) teil. Die finnischen Wissenschaftler erfassten den Schlaf der Kinder anhand elterlicher Angaben und Gerätemonitoring. Hierbei kamen sogenannte Aktigraphen zum Einsatz.

Bei Kindern mit einer erfassten durchschnittlichen Schlafdauer von unter 7,7 Stunden zeigte sich ein insgesamt erhöhter Hyperaktivitäts- und Impulsivitätsscore als bei Kindern, die länger schliefen. Jedoch lag der Unaufmerksamkeitsscore bei beiden Gruppen auf demselben Niveau. „Wir konnten zeigen, dass eine kurze Schlafdauer und Schlafstörungen mit den Symptomen der ADHS assoziiert sind und dass kurzer Schlaf per se Verhaltensauffälligkeiten verstärkt“, berichtet Erstautorin Juulia Paavonen.

Die Wissenschaftler drängen nun auf eine weitere Erforschung dieses Zusammenhangs. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass eine adäquate Schlafhygiene bei Kindern wichtig zur Prävention von Verhaltensstörungen ist. Trotz der gezeigten Auswirkung von Schlafmangel auf Verhalten und Leistung, müssen nun Interventionsstudien den kausalen Zusammenhang bestätigen“, fordert Paavonen. © hil/aerzteblatt.de

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Jens Maier

Entspannt sich vor den Rennen mit Musik von Eminem: Michael Phelps

Nicht gemacht für das Leben an Land


Michael Phelps ist nicht gemacht für das Leben an Land. Er war ein, wie man sagt, schwieriges Kind, litt am Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom ADS und musste lange Zeit dagegen Medikamente schlucken. Es war eine unendliche Mühsal für Eltern und Lehrer, ihn durch die Schule zu schleusen. Selbstbewusstsein aus seinem Körper zu ziehen blieb ihm in den meisten Sportarten verwehrt. Er ist hyperflexibel in allen seinen Gelenken, weshalb seine Bewegungen auf eine groteske Art unkoordiniert wirken. Schon das Joggen bereitet ihm Probleme. Phelps läuft Gefahr, bei kleinsten Unebenheiten umzuknicken und seine Bänder zu schädigen. Doch im Wasser fügt sich eines zum anderen. Seine langen Arme und der lang gestreckte Oberkörper, der mit den erstaunlich kurzen Beinen gar nicht harmonieren will, werden im Becken zu seinen besten Waffen. Phelps verleiht seinen 1,93 m mit 88 kg eine Schnelligkeit, die ihn am 30. März 2001 über 200 m Schmetterling zum jüngsten Weltrekordler (1:54,92 Minuten) überhaupt machte. 15 Jahre und neun Monate war er damals alt. Inzwischen hat er 13 Weltrekorde aufgestellt.

Vollständiger Artikel hier

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10.06.2008 - Genforschung

Die guten Seiten von ADHS


Nomadenvölker könnten von einer Veranlagung für die
Aufmerksamkeitsstörung sogar profitieren

Die genetische Veranlagung für das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS könnte in der Evolutionsgeschichte des Menschen durchaus auch Vorteile für die Betroffenen gehabt haben. Darauf deuten Gentests amerikanischer Forscher an ursprünglich lebenden Nomaden in Kenia hin. Menschen mit einer Genvariante, die mit dem Auftreten von ADHS in Verbindung gebracht wird, waren im Schnitt besser ernährt, beobachteten die Wissenschaftler. ADHS könnte dem Lebenswandel eines umherziehenden Nomaden, der ständig auf der Suche nach Nahrung und Wasser ist, zugutekommen und hätte sich daher während Evolution des Menschen erhalten und sogar verbreitet, vermuten die Wissenschaftler.

Das betreffende Gen trägt die Informationen für den Bau von Rezeptoren im Gehirn, die auf den Botenstoff Dopamin reagieren. Es beeinflusst somit sowohl Eigenschaften wie Impulsivität, Neugierde oder Unruhe, als auch die Fähigkeit, das Verlangen nach Nahrung zu kontrollieren. Das Gen kann in mehreren Varianten auftreten, von denen eine dafür bekannt ist, ein solches impulsives Verhalten und damit auch das ADHS genannte Syndrom zu begünstigen.

Die Forscher nahmen nun Genproben von zwei Gruppen der im Norden
Kenias lebenden Ariaal, einem Volk, das teilweise noch nomadisch lebt, sich zum Teil jedoch schon fest niedergelassen hat. Bei den insgesamt rund 150 Vertretern beider Lebensweisen beobachteten die Forscher keine Unterschiede in der Häufigkeit der Genvariante, die das Auftreten von ADHS begünstigt. Beim Body-Mass-Index (BMI) als Maß für den Ernährungszustand ergab sich jedoch ein deutlicher Unterschied: Die nomadisch lebenden Probanden mit der Genvariante waren besser ernährt als ihre Stammesangehörigen ohne diese Veranlagung für ADHS. Bei den sesshaften Probanden war es genau umgekehrt, und die Veranlagung erwies sich als nachteilig für die körperliche Verfassung.

Die für Träger der Genvariante typischen Verhaltensweisen wirkten sich nur bei Nomaden positiv aus, bei denen das unstete Umherziehen zum Überlebenskonzept gehöre, erklären die Wissenschaftler. Doch schon bei den sesshaft gewordenen Ariaal bringe diese Genvariante bereits Nachteile mit sich, da die Träger der Variante sich weniger gut auf Landwirtschaft oder Handel konzentrieren könnten.

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADS oder auch ADHS tritt in den Industrieländern bei drei bis neun Prozent aller Kinder auf, wobei Jungen häufiger betroffen sind als Mädchen. Es äußert sich unter anderem in Konzentrationsstörungen, emotionaler Unberechenbarkeit und Gedächtnisproblemen. Wie genau es zustande kommt, ist bislang unklar. Wissenschaftler gehen jedoch von einer starken genetischen Komponente aus, deren Auswirkungen durch die Lebensumstände verstärkt oder auch unterdrückt werden können.


Dan Eisenberg (Northwestern University in Evanston) et al.: BMC Evolutionary Biology, Online-Vorabveröffentlichung

ddp/wissenschaft.de – Ulrich Dewald
 
Schäfer, Gereon; Groß, Dominik

Enhancement: Eingriff in die personale Identität

Dtsch Arztebl 2008; 105(5): A-210 / B-188 / C-188
THEMEN DER ZEIT

Die Argumente für psychopharmakologisches Enhancement greifen zu kurz.

Unter Neuroenhancement versteht man Maßnahmen, die die kognitiven Fähigkeiten oder psychischen Befindlichkeiten von als gesund geltenden Menschen verbessern. Psychopharmakologisches Enhancement, auch „pharmakologisches Neuroenhancement“ genannt, bezeichnet die nicht medizinisch indizierte Verabreichung von Medikamenten, die für Patienten mit Demenzerkrankungen, Depressionen, Aufmerksamkeitsstörungen oder Narkolepsie entwickelt wurden. Seit den 80er-Jahren lässt sich insbesondere in den USA zunehmend ein „außermedizinischer“ Einsatz von Psychopharmaka beobachten.
Ihre Anwendung dient der Verbesserung der Gedächtnisleistung, der Steigerung der Aufmerksamkeit, der Aufhellung der Stimmung oder der Reduktion des Schlafbedürfnisses. Während die Verbesserung der kognitiven Leistungen vor allem in Schule, Studium und Beruf eine Rolle spielt, werden Antidepressiva wie Fluoxetin eingenommen, um sich von ungeliebten Eigenschaften wie einem (zumindest subjektiv) als mangelhaft empfundenen Selbstbewusstsein zu befreien oder sich einfach besser als „gut“ zu fühlen. Auch die Reduktion des Schlafbedürfnisses kann im schulischen und beruflichen Umfeld als wünschenswerte und attraktive Option angesehen werden. Sie ist zudem im militärischen Bereich von Interesse, wo der Schlafbedarf von Soldaten im Verteidigungs- oder Angriffsfall eine entscheidende Rolle spielen kann. Möglich ist es auch, mithilfe von Psychopharmaka die Empfänglichkeit für religiöse Erfahrungen zu erhöhen.
Der Bedarf an chemischen Neuroenhancern orientiert sich letztlich an gesellschaftlich als erwünscht wahrgenommenen Charaktereigenschaften und psychischen Zuständen. Menschen in Orient wie Okzident greifen seit Jahrhunderten auf Mittel zurück, die den zerebralen Zustand beeinflussen („natürliche“ Psychopharmaka). Besonders markante und geläufige Beispiele sind zerebrale Stimulanzien wie Koffein und dessen Analoga (Kaffee, schwarzer Tee, Cola), Sedativa wie Alkohol, Stimmungsaufheller wie Schokolade oder Nutrazeutika und Phytotherapeutika wie Kava und Ginkgo biloba, die in der modernen Gesellschaft breit akzeptiert sind.

Autonomie und Selbstbestimmung
Befürworter von Enhancement-Verfahren rekurrieren häufig vor allem auf die Autonomie und die Selbstbestimmung der betreffenden Personen. Für sie stellt Enhancement eine eigenverantwortliche Selbstveränderung dar, die keine ethisch relevanten Probleme aufwirft, solange sichergestellt ist, dass sie aus eigenem Antrieb und freiwillig durchgeführt wird und in der Konsequenz keinen Schaden für Dritte mit sich bringt. Eine entsprechende Argumentation vertritt David Degrazia (
1). Auch Dieter Birnbacher hält „künstliche“ Verbesserungen der menschlichen Natur „zumindest so weit für erlaubt [. . .], als sie mit den Idealen von Autonomie, Individuation, Selbststeuerung und sozialer Verantwortung“ nicht in Konflikt geraten. Birnbacher geht von aufklärerischen Idealen aus und findet es schwer verständlich, „warum eine mögliche Vervollkommnung seiner physischen (einschließlich genetischen) Natur mit diesem Ideal weniger vereinbar sein soll als die traditionell aus diesem Ideal hergeleitete geistige und moralische Vervollkommnung“ (2). Andere Befürworter heben zusätzlich auf die Tatsache ab, dass die diskutierten Neuroenhancement-Verfahren keine Veränderungen auf der genetischen Ebene beziehungsweise auf der Ebene der Keimbahn bewirken, sodass auf diesem Weg keine unmittelbaren Auswirkungen für künftige Generationen zu befürchten sind. Auftretende Schädigungen seien also streng auf das betroffene Individuum begrenzt.

Die medizinethische Diskussion
Eine weitere Argumentation setzt bei der Annahme an, dass nicht das Ziel eines Enhancements, sondern der Weg dorthin gesellschaftlich umstritten sei. Wer aber die Versuche, den Weg dorthin abkürzen, moralisch verwerfe, stehe automatisch unter Ideologieverdacht, das heißt, er mache sich beispielsweise einer egalitaristischen oder einer naturphilosophischen Einstellung verdächtig. Da man aber Mitglieder einer modernen pluralistischen Gesellschaft nicht auf eine bestimmte ideologische Ausrichtung festlegen könne, müsse man folglich den gewählten Weg zum Enhancement dem Einzelnen freistellen.
Die Argumente für psychopharmakologisches Enhancement sind für sich genommen plausibel. Gleichwohl greifen sie zu kurz, weil sie den anthropologischen Rahmen, vor dem sie verhandelt werden müssen und vor dem auch die medizinethische Diskussion zu führen ist, nicht hinreichend beachten: Ein erstes gegenläufiges Argument betrifft den Einfluss der genannten Maßnahmen auf das Menschenbild. Was bleibt an genuin Menschlichem, wenn das Gehirn sein spezifisches Funktionieren zumindest teilweise pharmazeutischen Wirkstoffen verdankt oder durch sie bestimmt wird? Inwieweit sind in dieser Weise „fremdbestimmte“ Menschen überhaupt noch zu eigenständigem Agieren befähigt oder für etwaiges soziales Fehlverhalten haftbar zu machen? Die Beeinflussung des Menschenbilds ist also eng korreliert mit der Frage nach den Einwirkungen der Neuroenhancer auf die Identität und Individualität des Menschen. Da sich Neuroenhancement auf das Gehirn als Organ des Bewusstseins auswirkt, beeinflusst es eben nicht nur die Funktion, sondern auch die personale Identität. Wenn sich aber die Identität ändert, ist unklar, wer von einer solchen Änderung profitiert: die Person vor oder diejenige nach dem Eingriff.
Auch in evolutionstheoretischer Hinsicht ist der Nutzen von Neuroenhancement beschränkt. Die erzielten „Verbesserungen“ könnten allenfalls dem „verbesserten“ Individuum selbst unter kompetitiven Gesichtspunkten soziale Vorteile einbringen, würden aber nicht an nachkommende Generationen weitervererbt. Dem in vielerlei Hinsicht ungesicherten Nutzen stehen erhebliche Risiken gegenüber. Die Gefahren von Psychopharmaka sind nicht unerheblich und nicht en détail bekannt. Zudem ist von einer grundsätzlichen Erhöhung des Risikos im Fall eines dauerhaften Gebrauchs auszugehen. So besteht etwa bei einer bereits in der Jugend einsetzenden, langjährigen Ritalin-Medikation die Gefahr einer Beeinträchtigung der natürlichen Gehirnentwicklung; auch werden Spätfolgen wie ein erhöhtes Suizidrisiko und eine spätere Drogensucht befürchtet. Gerade für vergleichsweise neue Neuroenhancer wie das Alzheimer-Medikament Donepezil oder das Psychoanaleptikum Modafinil sind die Langzeitfolgen bei dauerhafter Einnahme noch nicht ausreichend erforscht; eine außertherapeutisch motivierte „Verbesserung“ steht möglichen Spätschäden gegenüber. Die Reversibilität des psychopharmakologischen Enhancements muss ebenfalls relativiert werden: Selbst wenn keine (Langzeit-)Schädigungen auftreten, ist doch zu berücksichtigen, dass die unter der Medikation mit Neuroenhancern erfolgten (positiven wie negativen) Erlebnisse und Erfahrungen verfügbar bleiben und die Persönlichkeit ebenfalls nachhaltig prägen.
Aus medizinethischer Sicht muss die Toleranz gegenüber Risiken umso geringer ausfallen, je unsicherer der potenzielle Nutzen einer Maßnahme ist. Vor dem Hintergrund einer solchen Nutzen-Risiko-Abwägung sind die diskutierten Neuroenhancer nach derzeitigem Kenntnisstand ausgesprochen kritisch zu sehen. Ein weiterer wichtiger Aspekt bei einer Abwägung von Nutzen und Risiken ist die Verfügbarkeit oder das Fehlen von alternativen „Behandlungs“-Möglichkeiten. Risiken sind umso weniger in Kauf zu nehmen, als Alternativen bestehen. Zu denken wäre beispielsweise an Psychotherapie, Coaching sowie an Biofeedback, progressive Muskelrelaxation, autogenes Training und Meditation.
Gegen den Einsatz von Neuroenhancement-Verfahren spricht auch die Gefahr, dass sich bei deren Inanspruchnahme langfristig die Standards verschieben, also die Auffassung darüber, was als „normale“ Leistungsfähigkeit gelten kann. Bei zunehmender Zahl von Menschen mit verbesserten Sinneswahrnehmungen könnten die Leistungen der nicht „verbesserten“ Personen als unterdurchschnittlich angesehen werden. Gleichzeitig wäre – gerade auch mit Blick auf lebenslang eingenommene Psychopharmaka – von Medikalisierungserscheinungen auszugehen, das heißt, es wäre anzunehmen, dass die moderne Gesellschaft in steigendem Maß durch die Inanspruchnahme medizinischer Dienstleistungen bestimmt und geprägt wird. 1
Risiken bei Enhancement- Verfahren sind umso weniger in Kauf zu nehmen, als Alternativen bestehen. Zu denken wäre beispielsweise an Psychotherapie und Coaching.

Beide Entwicklungen würden einen wachsenden sozialen Druck nach sich ziehen. Mögliche Äußerungsformen dieses Drucks wären die Angst, von Intelligenteren ins Abseits gedrängt zu werden, die Sorge vor einer allgemeinen Verschärfung des Leistungsgedankens oder die grundsätzliche gesellschaftliche Überbewertung von Wettbewerb und Leistungsfähigkeit. Die Folgen wären Nachahmungseffekte aus Wettbewerbsgründen, die ihrerseits wiederum einer zunehmenden Medikalisierung Vorschub leisteten. Besonders gefährdet sind unter diesem Aspekt ältere Menschen, die mit der Einnahme von Psychopharmaka dem gesellschaftlichen Druck nach anhaltender kognitiver Leistungsfähigkeit nachgeben, aber auch Kinder und Jugendliche, denen Eltern in einem kompetitiven gesellschaftlichen Umfeld bereitwillig derartige Enhancer „verschaffen“. Neben der Frage nach der Einhaltung der Informed-consent-Prinzipien ergibt sich das Problem, dass die große Mehrheit der Medikamente nicht speziell für Kinder beziehungsweise alte Menschen getestet und genehmigt ist.
Eine andere Befürchtung, die mit einer sinkenden Hemmschwelle für den Gebrauch von Psychopharmaka verknüpft wird, ist mit dem Schlagwort sozialer Quietismus zu umschreiben: Die Erreichbarkeit von derartigen Medikamenten kann dazu führen, soziale Probleme durch den Gebrauch von Psychopharmaka zu maskieren oder zurückzuhalten.
Ungleiche Zugangsmöglichkeiten
Ein weiteres soziales Problem betrifft die ungleichen Zugangsmöglichkeiten zu den Enhancement-Methoden: Zum Ersten wird sich nicht jeder Bürger Enhancement-Verfahren leisten können. Folglich wäre zu erwarten, dass sich die sozialen Unterschiede weiter verschärfen. Zum Zweiten müsste angesichts der bestehenden Disparitäten zwischen reichen und armen Nationen auch auf internationaler Ebene von der Ausbildung einer sozialen Kluft ausgegangen werden. Drittens sind auch Fragen der Finanzierung des Gesundheitssystems und der Verteilungsgerechtigkeit angesprochen. Durch zunehmende Enhancement-Möglichkeiten könnten die Grenzen zwischen medizinischen Therapien und individuellem Lifestyle verwischen und so (Krankenkassen-)Gelder für diesen Grauzonenbereich aufgewendet werden. Auf diese Weise würden weitere finanzielle Belastungen auf das Gesundheitssystem zukommen.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2008; 105(
5): A 210–12

Anschrift der Verfasser
Dr. Gereon Schäfer
Univ.-Prof. Dr. med. Dr. Dr. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin
Medizinische Fakultät der RWTH Aachen
Wendlingweg 2
52074 Aachen
6. Januar 2008, NZZ am Sonntag
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Heute traurig, morgen exaltiert

In den USA nimmt die Diagnose «manisch-depressiv» für Kinder und Jugendliche rasant zu. In der Schweiz begegnet man diesem Trend mit Skepsis. Von Birgit Schmid

«Immer mehr manisch-depressiv kranke Kinder», wurde vor ein paar Wochen aus den USA vermeldet. Eine Studie ergab, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen, bei denen eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, vierzigmal höher liegt als noch vor zehn Jahren. Erhielten 1994 noch 20 000 amerikanische Kinder und Jugendliche die Diagnose bipolar, waren es 2003 bereits 800 000. Kommt nach der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung nun eine neue Krankheit auf unsere Kinder zu?

Kinder- und Jugendpsychiater in der Schweiz zeigen Vorbehalte. Die bipolare Störung werde in den USA überdiagnostiziert, sagt praktisch jeder. «Es gibt keine andere Störung, bei der die Differenzen zwischen Europa und den USA so gross sind», sagt Klaus Schmeck, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik in Basel. Für Hans-Christoph Steinhausen, Direktor des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes Zürich, handelt es sich um eine Fehldiagnose: «Die bipolare Störung bei Kindern ist inhaltlich falsch definiert. Die Symptome chronische Reizbarkeit und extreme Gefühlsschwankungen haben wenig mit den klassischen Symptomen mit ihrem phasenhaften Verlauf bei Erwachsenen zu tun. Zudem ist nicht erwiesen, dass diese Frühform in eine klassische bipolare Störung übergeht, wenn die Kinder älter werden.» Laut einer andern aktuellen US-Studie haben zwei Drittel der bipolaren Störungen bei Erwachsenen ihren Ursprung in der Kindheit und Jugend, wo sie häufig zuerst als reine Depression auftreten.

Das Störungsbild im Kindesalter wird bei uns selten diagnostiziert. Über das Vorkommen der Störung gibt es keine verlässlichen Zahlen. Im Praxisalltag werden aber immer wieder «Verdachtsdiagnosen» gestellt, wie der Kinder- und Jugendpsychiater Ulrich Preuss von der Universitätsklinik Bern sagt. Noch sei das Gebiet zu wenig erforscht, und für eine sichere Diagnose müsse man den Verlauf über lange Zeit beobachten. Ein zentrales «Leitmotiv» sei für ihn jedoch, wenn jemand in der Familie ebenfalls erkrankt sei. Das Vererbungsrisiko wird als relativ hoch eingeschätzt.

Während sich die manische Phase bei Erwachsenen durch Hochstimmung und grandioses Verhalten auszeichnet, sind diese Merkmale bei Kindern weniger klar bestimmbar. Zwar werden auch bipolare Kinder als explosiv, aggressiv, irritierbar und distanzlos definiert, sie sprudeln vor Ideen über, schlafen nicht. Doch wann handelt es sich hierbei um normale kindliche Phantasie, wann ist das Verhalten pathologisch? Bei 6- oder 8-Jährigen ist die Selbstwahrnehmung noch wenig ausgeprägt, das soziale Verhalten kaum normiert, das emotionale Erleben wechselhaft. Darin unterscheidet sich denn auch das Störungsbild bei Kindern: Zieht sich bei manisch-depressiven Erwachsenen eine Phase über Wochen hin, folgen die Episoden im jungen Alter schneller aufeinander, manchmal innert weniger Tage. Der Gedanke, ein Kind sei bipolar, kann etwa aufkommen, wenn ein 10-Jähriger seine Mutter in der Öffentlichkeit heftig beschimpft und zwei Tage später niedergeschlagen und unansprechbar ist und das sich wiederholt.

Die Diagnose wird dadurch erschwert, dass sich viele bipolare Symptome mit jenen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS decken. So etwa das aufbrausende Wesen, die Impulsivität. Abgrenzen lassen sie sich von ADHS durch die instabilere Emotionalität, den episodenhaften Verlauf, die soziale Enthemmtheit. Zudem prägen Grössenideen und Selbstüberschätzung in der manischen Phase die Persönlichkeit viel stärker. «Bipolare Menschen sind emotional viel schwerer erreichbar», sagt Sibille Kühnel von der Jugendpsychiatrischen Klinik Littenheid im Thurgau. Von 200 Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren, die hier jährlich behandelt werden, werden durchschnittlich drei «mit der Fragestellung einer bipolaren Störung» zugewiesen. Als typisches Merkmal dafür, dass sich ein Jugendlicher mit einer bipolaren Erkrankung selbst überschätzt, nennt Kühnel extrem unrealistische Zukunftsvisionen: «Ein 17-Jähriger erzählt, dass er Bandleader wird oder sonst einen tollen Job kriegt, obwohl Leistungsfähigkeit, Ausdauer und Frustrationstoleranz nicht vorhanden sind. Phantasie und Realität klaffen weit auseinander.» Die übersteigerten Gefühle drücken sich auch in konkreten Handlungen aus: Ein Jugendlicher schleppt eine Stereoanlage in die Klinik, kauft Kleider für die Kollegen, will «Party machen» – ob das den andern passt oder nicht, ohne Rücksicht.

Während sich das Störungsbild ab etwa 13 Jahren klarer zeigt, geht man vor der Pubertät mit der Diagnose vorsichtig um. Kinder, die Symptome zeigen, müssen später nicht zwingend an der Störung erkranken. Diese Zurückhaltung hat auch mit der Behandlungsmethode zu tun, die sich stark auf Psychopharmaka stützt. In den USA verstarb letztes Jahr ein vierjähriges Mädchen, bei dem eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, an einer Übermedikation.

«Wo stecken die bipolaren Kinder bei uns, wir müssten sie in unseren Kliniken doch auch sehen?», fragte sich auch der Kinder- und Jugendpsychiater Martin Holtmann von der Universitätsklinik Frankfurt angesichts der Zahlen aus den USA. In Frankfurt werden 0,5 bis 1 Prozent der stationären Kinder und Jugendlichen als bipolar eingestuft. Man untersuchte dann alle Klinikpatienten mit dem amerikanischen Fragebogen – und plötzlich traf auf knapp 7 Prozent das Profil bipolar zu. «Was die Amerikaner bipolare Störung nennen, heisst bei uns ADHS und affektive Störung; Depressionen oder Störungen im Sozialverhalten», so Holtmann. Der Psychiater glaubt, dass die Diagnose in den USA zu häufig gemacht wird, aber auch dass man in Europa die Störung unterdiagnostiziert.

Wie immer, wenn eine neue psychische Störung bei Kindern entdeckt wird, entbrennt eine Kontroverse. Vor 20 Jahren wurde diskutiert, ob Kinder depressiv sein könnten. Heute bezweifelt das niemand mehr. Genauso stelle man sich jetzt die Frage, ob Kinder manisch sein können, sagt Holtmann. Mit seinem Forscherteam will er Kriterien präzisieren, Methoden angleichen. Eine Studie soll zudem Kinder von bipolaren Eltern in ihrer Entwicklung von klein auf beobachten.

Erst dann wäre eine einheitliche Diagnose möglich, die den kulturellen Graben überwinden kann – wie immer man das heute todtraurige, morgen exaltierte Kind dann auch nennen wird.

«Es gibt keine andere Störung, bei der die

Differenzen zwischen Europa und den USA

so gross sind.»

 

Was ist eine bipolare Störung? Die bipolare Störung (manisch-depressive Erkrankung) ist eine ernsthafte Krankheit. Sie zeichnet sich durch verschiedene Phasen aus: Auf ein Tief mit gedrückter Stimmung folgt immer wieder ein Hoch, in dem man übermässig angetrieben und leicht erregbar ist. Die Störung beginnt meist in der Adoleszenz oder dem jungen Erwachsenenalter.


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Vom Dopingfall zum Korbkönig



Michael Wrights Zeit in Berlin endete unschön – jetzt ist er der Star bei Albas heutigem Gegner Ankara

 

 

Berlin - Wenn Michael Wright heute Abend in den Reihen des Gegners vertraute Gesichter sucht, muss der Basketballprofi von Türk Telekom Ankara zur Ersatzbank schauen. Dorthin, wo Alba Berlins Teammanager Henning Harnisch sitzt. Keiner der Spieler, mit denen der US-Amerikaner 2004/05 gemeinsam für Alba Berlin gekämpft hat, steht dort noch unter Vertrag. So sehr wie der Kader des Bundesligisten hat sich vor dem UlebCup-Spiel auch Wrights Situation geändert. „Den Ruf eines Dopingsünders wird man nur schwer los“, hatte Wright vor zweieinhalb Jahren gesagt, nachdem er wegen der Einnahme eines amphetaminhaltigen Medikaments zur Behandlung des Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) für 12 Spiele gesperrt worden war. Amphetamine stehen auf der Dopingliste.

Nun wird der 27-Jährige in der Türkei als „Korbkönig“ gefeiert, die Medien schrieben nach seinem Wechsel nach Ankara von einer „Bombe“ für die türkische Liga. Wright führt das Ranking der besten Uleb-Cup-Spieler an, macht im Schnitt 24 Punkte und ist bester Scorer der türkischen Liga. Beim Sieg in Siauliai (Litauen) steuerte Wright 37 Punkte bei. Der Effektivitätswert, in den alle statistischen Daten einfließen, war der dritthöchste, den ein Profi je in einem Uleb-Cup-Hauptrundenspiel erzielt hat. In der Vorsaison bei Pau-Orthez gehörte er zu den Top Ten der besten Euroleague-Spieler.

„Ich bin motiviert, weil ich gegen meinen alten Verein spiele, nicht wegen der Dinge von damals“, sagt Wright vor dem Aufeinandertreffen der Teams, die beide bisher zweimal gewonnen und einmal verloren haben. „Dinge passieren, und dann muss man mit seinem Leben weitermachen.“ Am 19. März 2005, nach dem Spiel gegen Ludwigsburg, war Wright positiv getestet worden. Alba Berlin wusste zwar von dem Medikament, die medizinische Abteilung um Mannschaftsarzt Gerd-Ulrich Schmidt hatte es aber versäumt, eine Ausnahmegenehmigung zu beantragen. Wright spielte nicht mehr für Alba, das Team scheiterte vor Ablauf der Sperre im Play-off-Halbfinale.

Obwohl Wright, der für die Berliner im Schnitt 14 Punkte machte, seine Medikation auf ein Mittel ohne Amphetamine umstellte, verlängerte Alba den Vertrag nicht. Quadre Lollis kam, Wright musste gehen. „Das ist Teil des Geschäfts“, sagt Wright, „ich war nicht überrascht.“ Als beste Zeit seines Lebens bezeichnete er die Monate in Berlin ein Jahr nach der positiven Dopingprobe, „alle im Klub haben mich nach der Sperre toll unterstützt.“ Wrights Furcht, wegen der Dopingsperre kein neues Angebot zu bekommen, war unbegründet.

Ob bei Besiktas Istanbul, in Pau-Orthez oder jetzt in Ankara: Wright begeisterte nach seinem Weggang aus Berlin überall. Das freut auch Marco Baldi. „Michael ist einer der Top-Spieler in Europa. Er ist ein feiner Kerl, der damals unverschuldet in eine schwierige Situation gekommen ist. Die Lage, in der wir gemeinsam waren, war kritisch“, sagt Albas Geschäftsführer. Wright habe gelernt, dass es nicht reiche, wegen des ADHS „im Sommer mal in den USA beim Arzt vorbeizugehen. Er weiß, dass er sich kümmern muss“. Und so fragte Wright bei der Welt-Antidoping-Agentur nach, ob das neue Mittel auch wirklich erlaubt sei.

Seither hat er keine Probleme mehr gehabt und sammelt Punkt um Punkt, 29 waren es zuletzt gegen Kolejleri Ankara. Doch Baldi warnt davor zu sagen, „lasst uns Michael aus dem Spiel nehmen, dann läuft es“. Dazu habe Ankara zu viele starke Spieler. Abgesehen davon wäre ein solches Vorhaben wohl sowieso zum Scheitern verurteilt: Michael Wright lässt sich derzeit nicht aus dem Spiel nehmen.

Mitarbeit: Thomas Seibert



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 27.11.2007)

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Ursache für ADHS liegt im Gehirn: Charité-Studie weist Fehlfunktion im Membranstoffwechsel nach

Beim Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) handelt es sich nicht um eine reine Verhaltensstörung. Eine Untersuchung der Charité - Universitätsmedizin stützt jetzt die These einer neuronalen Fehlfunktion im Gehirn. Für die aktuell im Journal of Psychiatric Research publizierte Studie * haben Dr. Michael Colla und seine Mitarbeiter vom Centrum für ADHS im Erwachsenenalter am Campus Benjamin Franklin 15 erwachsene Patienten mit der Diagnose ADHS sowie zehn gesunde Personen untersucht.

Das Ergebnis: Die ADHS-Patienten benötigen eine deutlich längere Reaktionszeit für Aufgaben, bei denen sie sich über längere Zeit auf eine Sache konzentrieren und irrelevante Aspekte ausklammern müssen. Die Ursache dafür liegt offenbar im Gehirn. Dort weisen die Patienten nämlich in dem Gebiet, das für die Steuerung von Aufmerksamkeit zuständig ist, eine erhöhte Konzentration des Markerstoffes Cholin auf.

ADHS wird häufig fälschlicherweise als Verhaltensstörung angesehen, die nur Kinder und Jugendliche betrifft. Bei bis zu zwei Dritteln bleibt die Störung aber bis ins Erwachsenenalter bestehen. Erste Symptome treten bereits im Kindesalter auf und können sich im Laufe der Zeit verändern. Betroffene lassen sich zum Beispiel leicht ablenken und leiden unter innerer Unruhe, Impulsivität und Hyperaktivität. Das führt sowohl im Berufsleben wie auch im privaten Bereich zu großen Problemen. Häufig entwickeln die Patienten zusätzliche Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Sucht.

Für die Behandlung von erwachsenen ADHS-Patienten gibt es noch kein erprobtes Konzept. Für Personen ab 18 Jahren ist bislang auch kein Medikament zugelassen, da die Wirkung noch unbewiesen ist. Das soll sich jetzt ändern. "Wir überprüfen die Wirksamkeit von Verhaltenstherapie kombiniert mit dem Einsatz von Medikamenten", erklärt Dr. Michael Colla. "Bisher hat es derartige Studien in Europa nicht gegeben." Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Projekt über drei Jahre mit einer Summe von 650.000 Euro. Beteiligt sind fünf Arbeitsgruppen des deutschen ADHS-Kompetenznetzes aus Berlin, Freiburg, Mannheim, Saarbrücken und Würzburg.

* Colla M et al., Cognitive MR spectroscopy of anterior cingulate cortex in ADHD. Journal of Psychiatric Research (2007), in press.

Quelle: Charité-Universitätsmedizin Berlin

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Kreativitätskiller Schule

Der Unterricht fördert allzu einseitig rationales Denken – dabei bleiben andere Talente auf der Strecke, meint Wissenschaftsredakteur Bas Kast.

Es gab einmal ein britisches Mädchen namens Gillian. 1934 war Gillian gerade mal acht Jahre alt und schon eine Schulversagerin. Ein Störenfried war sie noch dazu. Ein Zappelphilipp. Ständig musste sie sich bewegen. Ihre Konzentrationsfähigkeit tendierte gegen null. Dieses Mädchen war ein Albtraum für jeden Lehrer. Kein Wunder also, dass man in der Schule Gillians Eltern dazu riet, das Kind doch mal von einem Arzt untersuchen zu lassen.

In der Sorge, ihr Kind sei vielleicht krank oder sogar nicht ganz richtig im Kopf, folgte die Mutter dem Rat der Lehrer und ging mit der kleinen Gillian zum Doktor. Nachdem dieser das Mädchen eine Weile beobachtet hatte, nahm er die Mutter an die Hand und trat mit ihr aus dem Raum – doch nicht, bevor er das Radio angeschaltet hatte. Heimlich beobachteten die beiden, wie Gillian, nun allein im Raum, allein mit der Musik, spontan anfing zu tanzen. Der Arzt sah die Mutter an und sagte: „Ihre Tochter ist nicht krank, Frau Lynne, sie ist eine Tänzerin. Am besten, Sie bringen sie auf eine Tanzschule.“

Gesagt, getan – und aus Gillian Lynne wurde tatsächlich eine Tänzerin, eine wundervolle. Nicht nur das, sie wurde eine Choreografin, und zwar eine der erfolgreichsten der Welt. Zu ihren berühmtesten Arbeiten gehören das Musical „Cats“, das am längsten gespielte Werk in der Geschichte des britischen Musicals, sowie „Das Phantom der Oper“.

Arme, glückliche Gillian Lynne. Würde Gillian heutzutage einen Arzt aufsuchen, stünden die Chancen nicht schlecht, dass er sie als ADHS-Kind einstufen würde. ADHS, das heißt Aufmerksamkeits-Defizit-Störung und geht oft, wenn auch nicht immer, mit vermehrtem Bewegungsdrang und Hyperaktivität einher. Das Standardmittel dagegen lautet Methylphenidat, besser bekannt unter dem Namen Ritalin.

Keine Sorge, ich bin kein Abgesandter der Scientology-Sekte. Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Psychopharmaka, weil sie „unseren Geist manipulieren“. Auch Kaffee manipuliert unseren Geist, und ich zumindest käme ohne Kaffee nicht klar. Außerdem: Es gibt viele Kinder, denen Ritalin wirklich hilft.

Es soll aber in diesem Essay auch nicht um Psychopharmaka gehen. Mir geht es vielmehr um die Frage, ob die Schule die Kreativität unserer Kinder fördert – oder vielleicht eher hemmt. Kürzlich hat das ZDF die Studie eines Glücksforschers präsentiert, der mehr als 1200 Kinder und ihre Eltern interviewt hat. Sein Fazit: Glückskiller Nummer 1 bei Kindern in Deutschland ist die Schule.

Nun ist die Schule nicht unbedingt dazu da, Kinder glücklich zu machen, zumindest nicht immer und vor allem nicht immer unmittelbar. Trotzdem ist der Befund niederschmetternd, und vielleicht hängt er auch damit zusammen, dass nur ein Bruchteil der Kinder in unseren Schulen die Gelegenheit bekommt, seine innersten Fähigkeiten auszuleben. Beim Großteil gleicht der Unterricht, wie mir scheint, eher einer Art Formatierung des Gehirns, bei der es vor allem auf eins ankommt: das kindliche Gehirn, das anfangs oft noch offen ist für allerlei Formen, sich auszudrücken, nach und nach auf ein einziges Format zu reduzieren – das Format der rationalen Leistungsfähigkeit.

Es gibt eine eindrucksvolle Geschichte eines ukrainischen Mädchens namens Nadia, dessen Schicksal in gewisser Weise dem Gillians entgegengesetzt ist. Nadia tauchte eines Tages in der britischen Universität Nottingham auf, zusammen mit ihrer Mutter. Die Mutter hatte ein kleines Bündel Zeichnungen dabei, allesamt mit Kugelschreiber angefertigt. Diese Zeichnungen waren so unglaublich schön und präzise, als seien sie von Leonardo da Vinci höchstpersönlich.

Das Verblüffende war: Die Zeichnungen waren von Nadia, einem vier-, fünfjährigen autistischen Mädchen, das kaum sprechen konnte. Ihr aktives Vokabular bestand aus gerade mal zehn Wörtern. Dann geschah Folgendes. Nadia kam in eine Schule für autistische Kinder, wo man ihr in Sonderkursen auch das Sprechen systematisch beizubringen versuchte. Und Nadia lernte tatsächlich – in begrenztem Maße – zu sprechen. Da aber offenbarte sich etwas Sonderbares: Je besser Nadia sprechen lernte, desto geringer wurde ihr Zeichentalent.

Schließlich malte Nadia nur noch selten spontan, und wenn man sie dazu aufforderte, dann war von dem einstigen Leonardo- Funken nicht mehr viel übrig. Ihre Bilder wurden gewöhnlich. Es war, als hätte die Sprache Nadias Zeichengenie ausgelöscht.

Gillian Lynne hatte Glück. Sie musste ihr Gehirn nicht – mit freundlicher Unterstützung von Ritalin – auf rationale Leistungsfähigkeit formatieren lassen. Sie konnte das Talent, das in ihr schlummerte, das Tanzen, das Körperliche, Choreografische, ausleben und entwickeln. Sie musste ihr Gehirn nicht der Struktur der Schule unterwerfen, nein, es war umgekehrt: Ihre Schule passte sich Gillians auf Tanz geeichter Hirnstruktur an und brachte so ihr innerstes Talent zu Tage, förderte es. Zu ihrem und unser aller Glück.

Wie viele von uns hatten dieses Glück nicht? Wie viele von uns mussten ihr Gehirn auf Biegen und Brechen der Struktur der Schule unterwerfen, die uns nach dem Motto unterrichtet: One size fits all (etwa: „eine Größe für alle“)?

Diese eine Größe, von der da die Rede ist und die uns allen passen soll, ist die rationale Ausdrucksfähigkeit. In der Schule kommt im Laufe der Jahre alles zunehmend auf Rationalität an, auf den Kopf. Nebenbei gesagt, auch in den Schülertests „Pisa“ und „Iglu“ geht es ausschließlich um rationale Leistungfähigkeit. Alles, was sich in rationaler Sprache und Zahlen ausdrücken lässt, gilt als besonders wertvoll und steht in der Hierarchie der Schulen an der Spitze (mit rationaler Sprache meine ich eine logische, argumentative Sprache, im Gegensatz zu Lyrik oder Liedern). Alle anderen Ausdrucksformen sind sekundär und werden entsprechend stiefmütterlich behandelt.

Ja, natürlich gibt es Kunstunterricht, und ja, es gibt auch Schulen, die den Kunstunterricht anders als stiefmütterlich behandeln. Aber mal unter uns: Das sind eher Ausnahmen, oder nicht? In der Regel geht es in unseren Schulen vor allem darum, eine einzige Schicht zu perfektionieren: die rationale Schicht. Und das auf Kosten vieler anderer Schichten, die auch in uns stecken.

Das geht so weit, dass selbst der Kunstunterricht im Abitur im Laufe der Jahre immer abstraktere, wenn man so will: rationalere Formen annimmt. Sogar der Kunstunterricht wird dem Prinzip der rationalen Ausdrucksform unterworfen. Als kleine Kinder dürfen wir im Kunstunterricht noch mit gutem Gewissen malen. Als Abiturient ist das zwar nicht völlig verboten, mehr Wert aber legt man nun darauf, dass man einen Aufsatz über Kunst (eine „Bildbetrachtung“) schreiben kann. Der Kunstunterricht wird rationalisiert, denn in unseren Schulen herrscht eine klare Hierarchie, und die sieht so aus: Ganz oben stehen Sprache und Zahlen. Alles andere ist zweitrangig. Bestenfalls.

Wer zufällig das Pech hat, sich nicht gut in rationaler Sprache oder Zahlen ausdrücken zu können, sondern besser in Poesie oder Tanz, Malerei oder Musik, fühlt sich notgedrungen dumm und unkreativ, weil das, was sein oder ihr Gehirn zu bieten hat, keine Anerkennung findet.

Der britische Kreativitätsexperte Sir Ken Robinson hat es einmal wie folgt formuliert: Unsere Schulen richten ihren Unterricht so aus, als sei es ihr – und damit unser aller – unausgesprochenes Ziel, aus all unseren Kindern Universitätsprofessoren zu machen. Nichts gegen Uniprofessoren, wir haben sie gern, aber der Uniprofessor ist ja auch nur, wie Robinson es ausdrückt, „eine Lebensform von vielen“. Für Schulen jedoch scheint die Lebensform des Universitätsprofessors das Nonplusultra zu sein.

Ich erinnere mich an einen Schüler in meiner Klasse, der schon damals wie ein Professor tickte. Dieser Junge hatte das große Los gezogen. Alle Lehrer bewunderten ihn, und er wurde tatsächlich ein Professor. Uns andere hat man mit Mühe in diese Richtung erzogen. Aus uns wurden missglückte Professoren, das heißt: Wir ergriffen andere Berufe. Einige von uns fühlen sich bis heute dumm, weil sie der Schulstruktur nicht gerecht wurden. Man könnte es natürlich auch anders sehen. Man könnte es auch so sehen, dass es die Schule war, die unseren Hirnstrukturen nicht gerecht wurde.

Das sehen inzwischen immer mehr Experten so. Ironischerweise sind viele von ihnen selbst Professoren. Wolf Singer zum Beispiel, der zwar nicht an einer Universität lehrt, dafür immerhin Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt ist. Singer bedauert es, dass man in der Schule so einseitig auf rationale Leistungsfähigkeit setzt. „Sie ist das einzige Ausdrucksmittel, das unser Erziehungssystem mit Nachdruck ausbildet“, kritisiert er. Nichtrationale Formen sich zu äußern, wie bildnerische, musische oder tänzerische, würden dagegen vernachlässigt.

Dabei seien gerade sie, wie der Hirnforscher meint, geeignet, widersprüchliche Empfindungen zu vermitteln, „weil sie nicht an binäre Logik gebunden sind“. Und Singer fährt fort: „Ich behaupte, dass alle Kinder mit dem Angebot kommen, diese nichtrationalen Kommunikationsformen und Ausdrucksmittel zu nutzen, und dass alle Kinder über sie verfügen, dass wir diese aber zu wenig und wenn überhaupt, dann zu spät fördern und sie auf Kosten der Ausbildung der rationalen Sprache vernachlässigen oder gar unterdrücken. Und so müssen wir uns meist damit begnügen, uns mit dem relativ jämmerlichen Vehikel rationaler Sprachen verständlich zu machen.“

Es stimmt in diesem Zusammenhang übrigens nicht, dass wir in unserer westlichen Gesellschaft nur die linke, rationale Hirnhälfte fördern, während die rechte, kreative Hirnhälfte brachliegt. In Wahrheit fällt das, was in der Schule vornehmlich gefördert wird, noch weitaus reduzierter aus: Es sind nämlich nur gewisse begrenzte Areale der linken Gehirnhälfte, die sich mit (rationaler) Sprache beschäftigen, der ganze Rest des Hirns hat damit nichts am Hut.

Natürlich ist die Sprache wichtig, ebenso wie die Mathematik. Und ja, wir brauchen Universitätsprofessoren, zumindest ein paar. Nicht jeder kann ein Choreograf sein, und ich persönlich würde auch nicht gern in einer Welt leben, die nur aus Beethovens besteht.

Ebenso wenig ist es mein Anliegen, hier eine Kuschelpädagogik zu propagieren. Im Gegenteil, Leistung ist etwas Wundervolles. Was ist schöner, als zu verfolgen, wie ein Mensch noch die letzten Fähigkeiten aus sich herausholt? Gerade darum geht es doch! Genau das lässt sich bestimmt nicht erreichen, wenn wir alle Kinder zu Uniprofessoren erziehen wollen, zu etwas also, das sie nicht sind.

Es geht mir darum, dass die Schule die Gehirne unserer Kinder allzu früh auf eine bestimmte, einseitige Ausdrucksfähigkeit zu trimmen versucht, so als wüssten wir genau, dass es diese Fähigkeit ist, auf die es für das Kind und für uns ankommt. Dabei gibt es doch noch so viele andere Fähigkeiten, die in der Schule kaum eine Rolle spielen und die im Leben trotzdem über Karriere oder Nichtkarriere und über Glück oder Unglück entscheiden können. Humor zum Beispiel. Für Humor gibt es keine Note.

Wäre es nicht schön, wenn sich unsere Schulen etwas mehr für diese nichtrationalen Ausdrucksweisen, die unser Leben so lebenswert machen, öffnen würden? Gillian und Nadia waren Ausnahmen, das ist richtig. Nicht jeder ist ein Harald Schmidt, nicht jeder ein Künstler, schon klar. Aber es wäre doch schön und es wäre auch fair, wenn sich die Schule öffnen würde für die vielen verschiedenen Talente, die in unseren Kindern schlummern – statt allzu einseitig auf das Talent zum Uniprofessor zu setzen, als sei der Uniprofessor die wertvollste Lebensform der Welt.

Nicht in jedem Kind steckt ein Hochschullehrer und nicht in jedem ein Picasso. Aber in vielen steckt ein verborgenes Talent, und wir sollten alles dafür tun, dass jedes Kind die Chance bekommt, es zu entdecken.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 02.12.2007)

 

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